Wenn Gaming plötzlich keinen Spaß mehr macht

An Videospiele als Unterhaltungsmedien haben wir vor allem den Anspruch, unsere Freizeit mit Spaß und Kurzweil zu füllen. Aber dann gibt es auch Phasen im Leben, in denen das einst so wichtige Hobby langweilig wird, oder sich sogar wie Arbeit anfühlt. Diese Phasen hören zum Glück wieder auf und alles wird wie früher – oder?

Von Stefan Wirth

Ein Seufzer, ein Blick auf die Uhr, dann noch einer und dann noch einer – die Finger lahmen und schließlich wird der Controller beiseite gelegt. „Das ist langweilig“ und „Ich könnte meine Zeit gerade wirklich besser verbringen“ sind Gedanken, die wohl jede*m*r Spieler*in schon einmal durch den Kopf gegangen sind. Es ist wohl eine traurige Wahrheit, dass es im Leben Phasen gibt, in denen Videospiele einfach keinen Spaß machen. Meist gehen diese einfach vorbei, ohne große Spuren zu hinterlassen. Aber es kommt auch vor, dass sie unseren Spielgeschmack deutlich verändern, oder wir gar nicht mehr spielen.

Spieler*innen berichten von der Lustlosigkeit

Bei David begann eine solche Phase mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe. Er ist heute 23 und erlebte zu dieser Zeit etwas, das ihm bis dahin in Bezug auf Videospiele gänzlich neu war – nämlich Langeweile. „Das kam dann mit Assassin‘s Creed. Die ersten beiden Teile habe ich durchgesuchtet. Bei Brotherhood sind mir dann aber diese ständigen Wiederholungen aufgefallen und dann wurde mir während des Spielens langweilig.“ Daraufhin macht er die PlayStation 3 aus und erst ein paar Jahre später wieder an. Andere Sachen rückten in den Vordergrund – Freunde, Partys und Serien waren für David in dieser Zeit besser geeignet, „um die Langeweile zu besiegen.“

Auch für Philipp, 26, waren Videospiele immer eine Freizeitbeschäftigung.

„Das war der Herkunft geschuldet. Ich komme aus einem kleinen Ort, und die einzige Möglichkeit, wegzukommen, war, mit dem Fahrrad irgendwo hinzufahren. Dazu hatte ich nicht immer die Lust, also habe ich mich vor den Fernseher gesetzt und gespielt.“

Doch für ihn ist es weniger die Langeweile, die Games auslösen können, weshalb er heute nur noch selten spielt. Philipp hat ein Haus, eine Familie und einen pflegebedürftigen Vater – ihm fehlt vor allem die Zeit dafür.

Solche Probleme sind Romy und Sascha weitestgehend fremd. Beide studieren und haben im Moment genug Zeit zum Spielen, aber auch sie kennen Phasen, in denen der Griff zum Gamepad besonders schwerfällt. Sascha hatte eine solche, als er mit 18 für seine Ausbildung nach Berlin zog. Zwar nahm er seinen PC mit, die Spiele in seinem Gepäck hatte er aber alle schon durchgespielt, wodurch diese ihren Reiz verloren. „Als junger Erwachsener habe ich lieber die Erfahrung gemacht, herauszukommen, unterwegs zu sein, neue Leute kennenzulernen. Ich wollte damals einfach weniger zu Hause herumsitzen.“

Ein Screenshot aus dem Geschicklichkeits-Spiel Little Big Planet.

Im Kontrast dazu hatte die 21-jährige Romy mit ungefähr 13 eine Zeit, in der sie exzessiv Little Big Planet 1 und 2 gespielt hat. Diese endete, als der Kontakt zur Community weniger wurde. „Das hat sich dann gelegt, als es nicht mehr so cool und trendy war. Außerdem bin ich älter geworden, da haben sich meine Interessen verschoben.“

Verpflichtungen, neue Lebensumstände, aber auch Veränderungen im persönlichen Umfeld können Auslöser dafür sein, dass Spieler*innen ihr Interesse am Gaming verlieren. Doch wie gehen sie damit um, wenn sie in einer solchen Episode feststecken? Und verändern diese sogar ihr Spielverhalten und ihren Geschmack?

PlayStation 5 und Xbox Series X – Was wir von der Next Gen halten was-auch-immer: Der Games-Podcast, in dem es um was auch immer geht

Wir kennen den Preis, die Releasedaten und einige der Spiele, die wir in den ersten Monaten werden spielen können: PlayStation 5 und Xbox Series X sind kein Mysterium mehr. Darum wollen wir darüber sprechen, was wir bisher von der Next Gen halten – und auch darüber, welche Konsolen-Launches wir schon mitgemacht haben.
  1. PlayStation 5 und Xbox Series X – Was wir von der Next Gen halten
  2. Unsere absurden Erfahrungen auf Messen und Events
  3. Wenn Videospiele ihren Reiz verlieren
  4. Wir sprechen über Tony Hawk’s Pro Skater, Dark Souls und wenn Spiele in die Realität schwappen
  5. wasauchimmer Folge 1: Videospielen in der Partnerschaft

Keine Lust mehr auf Spiele – und dann?

Früher hat Romy vor allem Games mit Online-Komponente gespielt. Die Verabredung mit Freund*innen zum gemeinsamen Zocken schuf einen Ereignischarakter und besonders der Austausch in Communitys war ihr wichtig. Diese Aspekte traten mit der Zeit in den Hintergrund. Mitverantwortlich dafür waren die aufkommenden Online-Abos wie PlayStation Plus, sagt sie, da diese von ihren Mitgliedern einen monatlichen Beitrag fordern. „Weil ich jetzt eher unregelmäßig spiele, kommt das für mich eigentlich gar nicht in Frage.“

Mittlerweile interessiert sich Romy stärker für ausschweifende Singleplayer-Rollenspiele wie Persona 5 oder die Dark Souls-Reihe. Sie stellt fest, dass Phasen, in denen sie keine Lust auf Videospiele hat, heute häufiger vorkommen. Angst davor, dass sie das Interesse am Gaming ganz verliert, hat sie aber nicht. „Ich bin sehr sprunghaft, was meine Hobbylaunen angeht: Von früh bis spät zeichne ich jetzt durch, oder von früh bis spät muss ich puzzeln, von früh bis spät spiele ich Gitarre, oder eben PlayStation. Das geht dann meistens so für drei Wochen und dann kommt die nächste.“

Aber auch in Phasen, in denen sie selbst nicht spielt, ist es für sie wichtig, Gaming in ihren Alltag zu integrieren. Durch Formate wie Game Two hält sich Romy auf dem Laufenden, welche Spiele in nächster Zeit erscheinen und was vielleicht eine Anschaffung wert ist. „Aber die Motivation zu spielen kommt dann einfach so, das ist nicht unbedingt ausgelöst durch irgendetwas Konkretes.“

Sascha ist heute 32, und obwohl er während seiner Ausbildung kaum gespielt hat, ist Gaming für ihn wieder ein zentraler Bestandteil des Alltags geworden. Einen Grund dafür sieht er darin, dass sich die gesellschaftliche Einstellung zu Videospielen verändert habe.

„Heute heißt es nicht mehr: du zockst, also bist du ein Stubenhocker. Früher hatte das einen negativen Touch. Heute ist es für mich eine nette Unterhaltung. Ich versinke gerne in den Welten, bin aber auch noch ein sozialer Mensch, der gerne draußen ist.“

Wenn er die Zeit dafür hat, spielt er mehrmals die Woche – hauptsächlich zur Entspannung. Ob die Lust zum Zocken aufkommen will, hängt bei ihm vor allem von den verfügbaren Spielen ab. „Häufig habe ich Bock zu zocken, aber einfach nicht auf die Games, die gerade auf meiner Platte sind. Das ist dann unbefriedigend und dann verschwindet die Lust zu spielen doch wieder.“ In solchen Momenten käme dann der starke Wunsch nach Abwechslung auf, er wolle aber nicht immer das Geld für neue Spiele ausgeben.

Bei Games, die ihm nicht gefallen, hat er trotzdem eine Taktik entwickelt, sich doch irgendwie durchzubeißen. Normalerweise spielt Sascha mehrere Stunden. „Durch einige Spiele habe ich mich dann durchgequält, indem ich täglich nur eine Stunde gespielt habe. Das habe ich gemacht, weil ich sie durchspielen wollte, zum Beispiel weil ich mehr als die Hälfte schon gesehen hatte und dann war der Drang da, sie zu beenden.“ Das geht allerdings nicht immer auf und so kam es schon häufiger vor, dass er seine Fehlkäufe weiterverkauft, verschenkt oder einfach nur von der Festplatte wirft.

Was Romy und Sascha gemeinsam haben, ist Zeit und ein höheres Involvement in Gaming. Zwar sind Videospiele für sie schon immer nur ein Hobby von vielen, aber auch heute informieren sie sich noch regelmäßig über Neuerscheinungen. Dabei ist es das Abtauchen in fremde Welten, das die beiden am stärksten fasziniert.

Anders ist es bei David und Philipp. Für sie war Gaming hauptsächlich Unterhaltung, bei der es weniger um die Story, sondern das Spielen an sich ging. Deshalb sind es vor allem ältere Games, die sie auch heute noch für das Medium faszinieren. Was den beiden momentan am stärksten fehlt, sind die Zeit und Muße, um alleine zu spielen.

Trotzdem ist auch für David Gaming wieder zu einem wichtigen Aspekt des Lebens geworden, jedoch weniger als Entspannung – in seiner Vierer-WG dienen Videospiele vor allem der Stärkung der Gemeinschaft. „Mario Kart für die Wii ist ein riesiger Teil unseres Alltags, aber nur, weil wir das zusammen machen. Wenn wir keine vierte Person finden, lassen wir es sein. Aber auch wenn jemand vorbeikommt, wird meistens Mario Kart angemacht, aber auch nur, wenn ich Bock darauf habe.“ Einmal im Jahr findet in ihrer WG sogar ein Mario Kart-Turnier statt, bei dem der Gewinner einen Pokal bekommt.

Solo-Gaming hingegen spielt für David mittlerweile eine kleinere Rolle, einfach aus dem Grund, dass er selten alleine ist. Das letzte Mal, dass er ein Singleplayer-Spiel gespielt hat, war, als er Spätschicht hatte und seine Mitbewohner schon schliefen, wenn er von der Arbeit kam. Aber auch dann ist es keine Priorität. „Ich denke mir nicht, jetzt kommst du nach Hause und dann kannst du erst mal eine Runde zocken. Bei mir ist es der Moment, wenn ich alleine im Zimmer sitze, nichts mehr zu tun habe und mich frage, was kommt als Nächstes? Dann fange ich an zu spielen und häufig kommt auch die Lust daran zurück.“

Zwar üben Videospiele nicht mehr die gleiche Faszination wie früher auf David aus, weil ihm heute schneller dabei langweilig wird, in seinem Weltbild nehmen sie aber nach wie vor eine wichtige Rolle ein. Der Grund dafür ist Nostalgie. „Die Wii, mein DS, diese ganzen Nintendo-Geschichten lassen bei mir das Kindheitsgefühl wieder aufleben. Beispielsweise das Spyro-Remaster hat in mir pure Freude ausgelöst. Mir ist es aber momentan nicht wichtig genug, um dafür 40 bis 70 Euro in die Hand zu nehmen.“

Gerade diese Kindheitsgefühle sind für David ein Grund, dass Videospielen in seiner Zukunftsvorstellung ein wichtiger Platz zukommt. „Mein Wunsch ist es, irgendwann in meinem Haus eine ‚Man Cave‘ zu haben, in der ich auch Kind sein kann, was ich wirklich niemals verlieren möchte. Kind sein bedeutet für mich halt auch einfach zu zocken, Konsolen zu haben und auf dem DS Pokémon zu spielen.“ Um diesen Traum von einem Ort, an dem er Kind sein kann, zu erfüllen, würde David auch mehr Geld ausgeben als er es heute tut, denn seine „Man Cave“ ist für ihn mehr als nur Gaming.

„Mit meiner Tochter auf dem Traktor zu fahren, ist für mich Ersatz dafür“

Im Landwirtschafts-Simulator betreut ihr einen Bauernhof.

In Philipps Kindheit waren Simulationsspiele wie Fifa oder Formel 1 interessant. Sie boten ihm die Möglichkeit, Karriereträume auszuleben, von denen er wusste, dass er sie wahrscheinlich nie verwirklichen wird. Als er älter wurde und sich seine Interessen veränderten, wirkte sich das auch auf seinen Spielgeschmack aus. „Landwirtschaftssimulator ist dann das momentane Interesse, auch meine Studienrichtung hatte ich ja nicht ohne Grund gewählt.“ Philipp ist Maschinenbauingenieur. „Weil ich dafür aber wenig Zeit habe, gibt es mit meinem kleinen Traktor einen Ersatz im richtigen Leben. Das ist zwar stark vereinfacht, aber es geht in die Richtung.“

Etwas anderes sind für Philipp fantastische Spiele wie beispielsweise Uncharted 4. Diese erfüllen Bedürfnisse, für die sich im Alltag kein Ersatz finden ließe. Seine PlayStation benutzt er heute zum Streaming von Serien. Wenn er dabei den Controller in der Hand hält, kommt öfter der Gedanke in ihm auf, dass es auch Spaß machen würde, eine Runde ein solches Abenteuerspiel zu zocken. Doch häufig überwiegen andere Interessen. „Es ist eine Scheinwelt und ich setze meine Ziele momentan einfach anders. Ich bin Vater geworden, habe ein Haus. Das möchte ich voranbringen, da kann ich mich mehr ausleben und da sehe ich auch einen Fortschritt.“

Das wichtigste Ziel für Philipp ist es, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Klar hat er hin und wieder Lust darauf, zu spielen, aber er trauert dem verlorenen Hobby nicht wirklich nach. „Mit meiner Tochter eine Runde auf dem Traktor zu fahren, ist für mich ein Ersatz dafür. Jedes Mal, wenn ich mit ihren Ohrschützern in der Tür stehe, hat sie ein Grinsen im Gesicht, weil sie weiß, jetzt geht es wieder los, wir fahren eine Runde. So verbringe ich Zeit mit meinem Kind und mir macht es genauso viel Spaß, wie es ihr Spaß macht. Das ist zehnmal schöner, als alleine in einer Kammer vor dem PC zu sitzen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s