„Holt die Partykracher raus“: Wie Animal Crossing durch die Corona-Pandemie hilft

Es ist, als wäre ich im falschen Film. Von einem auf den anderen Tag ist nichts mehr wie zuvor. Durch die Corona-Pandemie ist es nicht länger möglich, Freund*innen zu treffen, mit ihnen Essen zu gehen, zu feiern oder auch einfach nur bei einem Bier zusammenzusitzen. Geburtstage fallen ins Wasser, Hochzeiten müssen verschoben und Bekanntschaften vertröstet werden. Doch dann kommt diese eine Einladung, die meinen Alltag zumindest ein bisschen normalisiert: Geburtstagsparty, ab 20 Uhr, in „Animal Crossing: New Horizons“. Ein Erlebnisbericht.

Quelle: Animal Crossing: New Horizons / Nintendo / eigener Screenshot

Mit gutem Gewissen kann man „Animal Crossing: New Horizons“ als eines der entspanntesten Spiele überhaupt bezeichnen. Es gibt keine Feinde, die es zu bezwingen gilt, oder Dungeons, die einem den letzten Nerv rauben. Stattdessen baut ihr euch eure eigene, kleine Insel auf – mit frei gestaltbaren Häuschen, Hügeln und Ständen. Ihr richtet sie ganz nach euren Vorstellungen ein, pflanzt Blümchen und Büsche und freundet euch mit euren Bewohner*innen an. Ihr kauft und verkauft Rüben, quasi wie Aktienhandel, nur ohne „echten“ Einsatz. Und wenn es euch im virtuellen Zuhause langweilig wird, könnt ihr die Inseln anderer Spieler*innen erkunden oder in eurem eigenen Reich Besuch empfangen.

Normalerweise würde ich auf solch eine Multiplayer-Funktion dankend verzichten. Ich bin zugegebenermaßen nicht die größte Freundin von Online-Spielen: Zu groß ist der Druck, nicht gut genug zu sein. Aber in „Animal Crossing“ gibt es kein Gewinnen oder Verlieren, es gibt nur das Sein, totale Entschleunigung. Hinzu kommt, dass mir während der Corona-Pandemie soziale Kontakte besonders fehlen. Warum also nicht mal virtuell mit Freund*innen interagieren, wenn ich sie schon nicht in der analogen Welt treffen darf? Als besagte Einladung bei mir eingeht, springe ich also über meinen Schatten, nehme sie an – und lerne eine ganz neue Welt kennen. Obwohl sie letztlich gar nicht so anders ist als unsere analoge. 

Die süßeste Geburtstagsparty, auf der ich jemals war

Um 19 Uhr, eine Stunde, bevor die Geburtstagsparty beginnt, schalte ich meine Konsole ein. Der Dresscode lautet „stylisch“, also probiere ich verschiedene Kleider an, stecke mir eine Blume ins Haar und putze mich heraus – eben genau wie im echten Leben, wenn ich mich für eine Party vorbereite. Ich suche in meinen Bastel-Anleitungen nach möglichen Geschenken, die „Geburtstagskind“ Daniel gefallen könnten, verpacke das Ergebnis in Geschenkpapier, kaufe ein paar Partykracher und mache mich auf zum Flughafen. Als er mir seinen „Dodo-Code“ zukommen lässt, quasi mein Flugticket, bin ich zugegebenermaßen ein bisschen aufgeregt. 

Über „Nintendo Switch Online“ verbinden wir uns mit dem Voice Chat und Daniels Freundin, die die Party organisiert hat, gibt uns eine kleine Insel-Führung: Sie hat eine große Picknickdecke ausgebreitet, Drinks und Snacks bereitgestellt und sogar ein kleines Areal für die Geschenke gibt es. Klar, wir können mit kaum einem der Gegenstände interagieren, um „Animal Crossing“ zu verstehen, braucht man schon ein Mindestmaß an Vorstellungskraft. Aber während der Corona-Pandemie nimmt man eben, was man kriegen kann. Wir setzen uns auf die ausgebreitete Decke, genießen das gute Wetter in der virtuellen Welt und quatschen. 

Quelle: Animal Crossing: New Horizons / Nintendo / eigener Screenshot

Nachdem Daniel seine Geschenke ausgepackt hat, spielen wir eine Runde „Verstecken“: Daniel zählt und wir anderen suchen uns auf seiner Insel einen möglichst abgelegenen Ort, an dem er uns nicht findet. Ich gewinne, weil ich mich in das Bett einer seiner Bewohner*innern lege – damit hat Daniel offenbar nicht gerechnet. Zum Schluss heißt es, „holt die Partykracher raus“, alle machen unterschiedliche Posen und knipsen Fotos voneinander. Als wir uns gerade auf den Rückweg machen wollen, überrascht uns Gastgeber Daniel mit einem kleinen Gastgeschenk, das er selbst gemacht und ebenfalls in Geschenkpapier verpackt hat. Besser hätte eine Party kaum sein können.

Animal Crossing: Eine Auszeit von der Pandemie

Wir sind natürlich nicht die einzigen, die auf die Idee gekommen sind, in „Animal Crossing“ nachzuholen, was in der analogen Welt gerade nicht mehr möglich ist. Mehrere Paare, deren Hochzeit aufgrund des Corona-Virus verschoben wurden, feiern mit Freund*innen stattdessen in der Lebenssimulation von Nintendo. Tinder-Kontakte verlegen ihre ersten Dates in das Nintendo-Spiel. Es gibt Zeremonien für Schüler*innen und Student*innen, die ihren Abschluss während der Corona-Pandemie gemacht haben, auf einer hielt sogar US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez eine Rede. Muslim*innen brechen in „Animal Crossing“ das Fasten und es gibt sogar virtuelle Pride Parades

Auch aus meinen eigenen Social-Media-Feeds ist das niedliche Spiel nicht mehr wegzudenken. Die Tätowiererin @kantocat konnte aufgrund der Maßnahmen gegen Corona ihrem Job nicht mehr nachgehen, soziale Kontakte waren ebenfalls Tabu. Ein „Luxusproblem“, wie sie sagt, andere habe es da deutlich schlimmer getroffen, man müsse da nur einmal an „Europas Außengrenzen“ denken. Und trotzdem: „Ich habe seit Anfang März, also für zweieinhalb Monate, niemanden tätowiert und keine Freund*innen getroffen“ – das kann auf Dauer fehlen. Ablenkung davon findet sie in Animal Crossing, besondere Momente im Spiel hält kantocat in ihrer Instagram-Story fest. 

Quelle: Animal Crossing: New Horizons / Nintendo / Screenshot von @kantocat

An „Animal Crossing“ schätzt sie vor allem die Gestaltungsfreiheit: „Ich hatte schon immer ein Faible für Games, die Individualisierungen möglich machen. Dass es keine Storyline und keinen Endboss gibt, ist außerdem eine angenehme Abwechslung.“ Dank der vielfältigen Möglichkeiten schafft sie sich auf ihrer Insel ein eigenes Tattoo-Studio, in dem sie die Charaktere ihrer Freunde gegen 100 Sternis „Trinkgeld“ tätowiert. Mit ihrer Band gibt sie im Spiel sogar ein Live-Konzert vor eingeladenem Publikum – „inklusive Servercrash“. Inzwischen hat sie über 300 Stunden in der Spielwelt verbracht und durchs Spielen sogar „ein paar nette Leute“ kennengelernt. 

Abschließende Gedanken: Zusammen sind wir ein bisschen weniger einsam

Auch mich lässt die Online-Funktion von „Animal Crossing“ nicht mehr los. Ich bin einer WhatsApp-Gruppe beigetreten, um Preise zu vergleichen und andere Inseln zu besuchen. Sonntags sitze ich immer pünktlich ab 9 Uhr an der Konsole, um den Rübenverkauf nicht zu verpassen. Ich habe mir eine Art „Wunschzettel“ für Möbelstücke erstellt, die ich für die perfekte Ausgestaltung meiner Insel und meines eigenen Häuschens noch benötige. Ich war auf In-Game-Flohmärkten, Tausch-Partys und habe sogar an einer Runde Glücksrad teilgenommen, bei der es seltene Möbel zu gewinnen gab. Auch ich habe neue Freundschaften geknüpft – ohne dafür nur einmal die eigenen vier Wände verlassen zu müssen.

Nachdem ich nach der Geburtstagsparty wieder auf meiner eigenen Insel ankomme, lege ich mich in meine Hängematte am Strand und denke nach. Dass Videospiele Menschen verbinden können, weiß ich nicht erst seit gestern: „Massive Multiplayer Online Games wie „Eve Online“ und „World of Warcraft“ regen Spieler*innen seit Jahren an, die vorhandene virtuelle Welt mit eigenen Ideen und Geschichten auszufüllen, das Konzept ist keineswegs neu. Und trotzdem trifft „Animal Crossing: New Horizons“ mit seiner sozialen Komponente, den gestalterischen Möglichkeiten und dem langsamen, fast schon Zen-artigen Gameplay einfach den Nerv der Zeit.

Durch die Corona-Pandemie und das damit verbundene Social Distancing habe ich am 16. März 2020 ein Stück meiner normalen Routine und meiner sozialen Kontakte verloren. Animal Crossing gab sie mir weniger Tage später mit dem Release am 20. März 2020 zurück – wenn auch in modifizierter Weise.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s