The Last of Us 2: Warum „Gamer“ das Spiel hassen

„The Last of Us 2“ ist gerade erst erschienen und hat es doch schon geschafft, für Aufruhr zu sorgen. Sogenannte „Gamer“ machen es zu ihrer traurigen Mission, das Spiel zu hassen – und es jeden wissen zu lassen. Dafür gibt es Gründe.

Eigentlich wollte Alanah Pearce in Ruhe die ersten Stunden von „The Last of Us 2“ streamen. Seit Donnerstag vor Release ist es Streamer*innen erlaubt, das Spiel zu zeigen. Inzwischen dürfte Pearce es bereuen, eine der Ersten gewesen zu sein. In einem Tweet zeigte sie Screenshots von Beleidigungen, die sie erfahren hat. Es sind Worte, die weibliche Streamer oft hören. Bedrohungsszenarien, die ihnen leider nicht neu sind.

Doch hat die Belästigung in diesem Fall nicht nur damit zu tun, dass Alanah Pearce eine Frau ist und sich mit Videospielen beschäftigt. Das Spiel selbst, „The Last of Us 2“ ist es, das für Unmut unter „Gamern“ (eine Definition hier) sorgt. Denn in seiner Narration geht es neue, für AAA-Produktionen unbekannte, Wege. Und damit zerstört es die Vorstellung der „Gamer“, das jedes Spiel für sie zu sein hat: Für weiße, heterosexuelle Dudes, die auch nur weiße, heterosexuelle Dudes spielen wollen.

„The Last of Us 2“ dürfte also zum neuesten Schlachtfeld dieser „Gamer“ werden, die sich in ihren Gräben verschanzen, um „ihr Medium“ vor den „Politisch Korrekten“ zu schützen. Das Spannende aber ist, dass es diesmal – folgt man ihrer verqueren Logik – tatsächlich Substanz dafür gibt. „The Last of Us 2“ deutet nicht an, hat nicht einen versteckten queeren Charakter, einen queeren Kuss, den man nur sehen kann, wenn man nicht blinzelt. Das Spiel bietet ein Buffet an Diskursen, die es in Blockbuster-Videospielen sonst kaum gibt. Und die Reaktionen darauf zeigen gerade wieder, warum es sie so selten gibt.

The Last of Us 2

Wieso Gamer „The Last of Us 2“ hassen

Bevor wir beginnen, diese Diskurse zu beschreiben, zwei Hinweise.

  1. Es folgen Spoiler. Wir versuchen, nicht zu explizit zu werden. Aber solltet ihr das Spiel noch in seiner Gänze vor euch haben, ist es wahrscheinlich geraten, zu warten.
  2. Freilich kann man einiges an „The Last of Us 2“ kritisieren. In seiner Inszenierung und auch in seinen Spielmechaniken finden sich Punkte, an denen man Anstoß nehmen kann. So ist die Gewalt etwa das übergeordnete Thema, das viele andere Nuancen oft erdrückt.

Wir werden in den kommenden Wochen also wohl viele Hot Takes auf YouTube erleben dürfen. Befürworter*innen des Spiels werden von „Gamern“ attackiert werden. Marginalisierte Spieler*innen werden womöglich noch stärker belästigt als sowieso schon. Und natürlich dürfen wir ansehen, wie die mutigen „Gamer“ das Spiel bei Metacritic schlecht bewerten werden. Und sie werden folgende Gründe angeben.

  • Der Protagonist des ersten Teils von „The Last of Us“, Joel, wird in den ersten Stunden des Spiels brutal ermordet. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte von „The Last of Us 2“. Ellie, die Protagonistin, macht sich daraufhin auf, den Tod zu rächen. Schon jetzt sprechen „Gamer“ davon, dass der männliche Protagonist mit dieser Ermordung nicht respektiert würde. Es sei die „SJW“-Agenda, die ihn getötet habe. Der weiße, heterosexuelle Held stirbt und wird ersetzt durch eine Frau? Unmöglich. Freilich hat Joel in Rückblenden und Erinnerungen noch immer eine zentrale Rolle in „The Last of Us 2“. Aber das sind Nuancen, die einen „Gamer“ nicht interessieren.
  • Ellie, die Protagonistin des Spiel, ist queer. Ihr Begehren zu Dina, das auch noch erwidert wird, zieht sich durch das gesamte Spiel. „Gamer“ werden konfrontiert mit Dialogen zu queerem Begehren, sie sehen Szenen, in denen zwei Frauen sich küssen. Kurzum, sie erleben queeres Leben, das sie sonst versuchen, aus ihrem Leben fernzuhalten – indem sie sich etwa in ihren Spielen verschanzen. Neben Ellie und Dina gibt es einen weiteren queeren Charakter im Spiel. Es handelt sich um einen trans Jungen, dessen Geschichte Raum und Zeit gegeben wird, um sich zu entfalten. Frauen und queere Menschen – für „Gamer“ klingt das nur nach „Politik in meinem Spiel“. „Politik“ ist übrigens alles, was nicht von weißen, heterosexuellen Männern erzählt.
  • „The Last of Us 2“ lässt die Spieler*innen die Perspektiven wechseln. Sie spielen nicht nur Ellie, sondern auch eine weitere Person. Sie durchleben Szenen mehrfach, werden indirekt aufgefordert, ihre zuvor getanen Taten – zumeist Morde – zu überdenken. Sie stecken plötzlich in der Haut des Feindes und erfahren, dass Feind und Freund, Gut und Böse nur leere Kategorien sind. Kurzum, „Gamer“ erleben hier keine Machtphantasie, sie werden angehalten, ihre Gewalt zu reflektieren.

Es dürfte Naughty Dog, dem Studio hinter „The Last of Us 2“ klar gewesen sein, dass es diesen Backlash geben wird. Und ja, alleine deswegen ist es bemerkenswert – für ein Videospiel -, dass die oben genannten Themen so prominent verhandelt werden. Doch ist es wohl an der Zeit, einen weiteren Schritt zu gehen. Viel zu lange haben die großen Publisher versucht, eine große „Gaming“-Community heraufzubeschwören ohne zu beachten, dass diese Community noch immer toxisch ist. Es ist eine Community nur für die, die keine Angst haben müssen, durch Rassismus, Sexismus oder Hass auf queere Menschen ausgestoßen zu werden.

Vielleicht ist „The Last of Us 2“ also auch der Moment, in dem nicht nur die zu erwartenden Reflexe der „Gamer“ einsetzen. Vielleicht ist es auch der Moment, in dem die Industrie und die Spieler*innen, die nicht von Diskriminierung betroffen sind, wegkommen von ihrem „Gaming ist für alle da“, das ab und an auf einer Event-Bühne gesäuselt wird und hin zu tatsächlichen Unternehmungen, die Spieler*innen zu schützen, für die Gaming laut der „Gamer“ eben nicht da ist.

Zeigt auf die „Gamer“ und sagt ihnen, dass nicht die anderen das Problem sind – sondern sie selbst.

Ein Gedanke zu „The Last of Us 2: Warum „Gamer“ das Spiel hassen

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